Montag, 19. Oktober 2009

Neues aus Riesi

So, verehrte Freunde der Nacht!
Ich melde mich auch mal wieder mit News aus dem immer kälter werdenden Sizilien - auch wenn ich mit euren Minusgraden in Deutschland natürlich nicht mithalten kann... Aber irgendwie komme ich mir trotzdem vor, als wäre ich im tiefsten Winter angekommen. Deshalb haben jetzt auch alle ihre dicken Pullis, Schals und Winterjacken rausgeholt, ich schlafe mittlerweile in langer (gefütterter!) (grüner!) Jogginghose, Abi-T-Shirt und -pulli und dicken Socken, ansonsten friert man nachts. Ab irgendwann werden hier zwar auch die Heizungen angemacht, aber dann auch nur zwei Stunden pro Tag! Da wir aber alle festgestellt haben, dass unsere Sachen nicht warm genug sind, wollen wir morgen in einen großen Supermarkt einkaufen fahren. Wir sind jetzt nämlich mobil. Laura und Denis können ab jetzt unseren (kaputten) VW-Bus fahren und das wird natürlich ausgenutzt.

Am Freitag Abend waren wir seit Langem mal wieder abends weg (und damit meine ich nicht sowas wie Zirkus, da waren wir auch neulich, und Laura hat sich auf einem monströsen Pferd blamiert). Nein, wir waren in einer Bar, von deren Existenz ich bisher nicht wusste und ich bin mir auch noch nicht sicher, ob sie "Internet Cafe" oder "Rock Cafe" heißt. Angelo hat immer so spontane Ideen und meinte, dort spiele eine Rockband, woraufhin wir uns alle dorthin aufgemacht. Im ... Cafe war dann allerdings keine Rockband, sondern italienische Hip Hopper, was mich persönlich ziemlich erfreut hat, bei den anderen allerdings gemischte Stimmung auslöste. Als die Jungs, alle recht gutaussehend, aber klein, dann auch noch angefangen haben, Breakdance zu machen, war ich natürlich vollkommen von den Socken und habe mich mit schmachtendem Blick auf eine Bank gesetzt, so nah, dass ich Gefahr lief, einen Fuß oder auch andere Körperteile ins Gesicht zu bekommen. Hat mich aber nicht gestört und mein Gesicht ist auch noch ganz. Natürlich wurde ich im Laufe des Abends auch unglaublich heißen Italienern in engen Hosen und Bling-bling-Hemden vorgestellt, mit zwei Bling-bling-Ohrringen. Und, wie hießen sie? Giuseppe und Salvatore! Unfassbar! Giuseppe war schnuckelige 18 Jahre alt und irgendwann hab ich mich dann bösartigerweise lieber den Breakdancern gewidmet als seinen Ohrringen. Schöner Abend auf jeden Fall.
Am Samstag waren wir gleich nochmal da, allerdings die Breakdancer nicht, da haben wir dann Karaoke gesungen.

Seit zwei Wochen haben wir jetzt auch jeden Samstag Sprachkurs, noch mit anderen Volontari aus Pacchino und Vittoria zusammen. Dafür sind wir letzten Samstag nach Vittoria gefahren und danach dann erfreulicherweise noch auf ein Straßenfest in Ragusa, wo wir getanzt haben und wo ich endlich die Gewissheit bekam, dass es NICHT NUR Sizilianer in lila Hosen und goldenen Glitzerhemden gibt, sondern auch unglaublich gutaussehnde alternative Italiener mit wunderschönen Lockenhaaren, die gute Musik machen und schönen Schmuck verkaufen.


Mein Schulalltag hat in letzter Zeit neue Formen angenommen. Da die Kinder hier nämlich unfähig sind, die Klos in einem annehmbaren Zustand zu hinterlassen, wurde ich zu der ehrenvollen Arbeit abgeordnet, sowohl vormittags als auch nachmittags vor den Schulklos rumzuchillen und zu kontrollieren, ob denn auch jeder brav abspült (das kann hier keiner) oder den Wasserhahn zudreht (kann auch keiner) oder ob die Jungs etwa wieder kleine Kugeln aus Klopapier formen, diese nass machen und sie dann an die Wand schmeißen, wo sie kleben bleiben.
Aber im Folgenden will ich euch nicht mit Fotos von dreckigen Klos belästigen, sondern euch so ungefähr meinen normalen Tagesablauf zeigen, zu dem ich hoffentlich bald zurückkehren werde, wenn die süßen hier gelernt haben, ihr Geschäft auch ins Klo zu verrichten und nicht daneben...



So beginnt mein Arbeitstag: mit einem Blick aus dem Fenster, der in letzter Zeit meistens Nebel anzeigt. Wenn es morgens neblig ist, bedeutet das allerdings, so Peppe, der Schulbusfahrer und Sekretär, dass es schön wird, also sonnig. Und das trifft auch meistens zu, wenn hier die Sonne scheint, dann wird es auch noch ziemlich warm!


Auf meinem Weg zum Schulbus über das Gelände des Servizio begleiten mich drei von Zorans Lieblingshunden, Puzzula (Stinktier), Scot und Scia (v. l. n. r.) Die Sonne kommt langsam durch... schön, was?
Und dies ist mein heißgeliebter, schön gelber Schulbus, mit dem ich dann drei Runden durch das graue Riesi cruise:

Als erstes cruisen Peppe und ich über die Straße direkt vorm Servizio, wo die Schwellen, die ja eigentlich die Autos dazu bringen sollen, langsamer zu fahren, seltsamerweise immer an irgendeiner Stelle so weit abgebaut sind, dass genau ein Auto durchpasst...

Und dann sehe ich es bald, das lang ersehnte, wunderschöne, knallgelbe Haus, immerwieder ein Highlight auf meiner Busfahrt:


Nach drei mehr oder weniger anstrengenden Rundfahrten ( je nachdem ob Samuele, ein Kindergartenkind, da ist oder nicht bzw die ganze Fahrt weint wie ein Schlosshund und sich auf den Boden wirft oder nicht) komme ich dann in der Vorhalle der Grundschule an:


Eigentlich führt mich mein Weg dann immer in die erste Klasse...:


...nur seit Neuestem eben vor die ebenfalls sehr hübschen Schulklos:

Nach dem Tischdecken und meiner eigenen kurzen Mittagspause gehts dann raus auf den Schulhof.



Wo ich zusammen mit der lieben Georgia Aufsicht mache, zum Beispiel über den bösen Giovanni, der sich nicht fotografieren lassen wollte!


Oder Luigi hier, aus der 1. Klasse...


Oder ich kuschel ein wenig mit Giusy, Filippo, Salvatore und Luigi (alle Sinthi-und-Roma-Kinder, und alle irgendwie verwandt, Giusy und Salvatore sind Geschwister und Filippo und Luigi auch, und alle sind Cousins, soweit ich weiß...)


Paolo (links) ist auch mit ihnen verwandt, auch ein Cousin mit noch mindestens 5 Geschwistern. Aber ich habe beschlossen, Paolo zu adoptieren, denn ohne Paolo ist doch alles langweilig!


Paolo ist nämlich momentan, neben den Bädern, meine Hauptarbeit. Wenn ich dann also in der 1. bin, um den Lehrerinnen zu helfen, beschäftige ich mich immer mit Paolo, der zwar 6 Jahre alt ist, aber eher wie 4 wirkt, und deswegen mit dem normalen Unterrichtsstoff der 1. Klasse ziemlich überfordert ist, weswegen er jetzt erst die Sachen macht, die die anderen in der 1. Woche gemacht haben... und das auch nur sehr, sehr langsam. Zu jedem Strich und zu jedem Punkt muss ich ihn neu überreden, immer ist er müde, vergräbt seinen Kopf in seinen Armen und grinst mich an, mit seinem süßen Lächeln und rutscht von seinem Stuhl uuund so weiter. Außerdem spricht er kaum, die Kommunikation ist also recht eingeschränkt. Meine neueste Taktik, Stickersterne (danke, Mama, die Sterne werden von allen geliebt!) springt ganz gut an, allerdings muss ich auch wirklich alle 30 Sekunden damit vor seiner Nase rumwedeln, um ihm wieder ein wenig Arbeitslust zu verpassen! Also, recht anstrengend, aber ich liebe ihn!
Mittlerweile hat sich Paolo auch einigermaßen an mich gewöhnt, er nimmt gelegentlich meine Hand und wenn er mal die Arme nach mit ausstreckt, ist das sehr, sehr selten und das freut einen dann natürlich noch mehr! Also, ich werde weiterhin mein bestes geben!

Ich hoffe, ihr konntet so mal einen etwas genaueren Eindruck in mein tägliches Leben bzw. meine Arbeit gewinnen!

Liebste Grüße,
Paula